Im Auge des Britischen Abhörzyklons: Tempora, das GCHQ Baby

Wer meinte, Prism sei ein (US-)Skandal und Europa netter, hat sich wohl getäuscht. Denn Tempora ist gut Britisch und augenscheinlich noch potenter und noch weniger reguliert (wenn das noch geht). Und wer Snowden eine “CIA Taube” schreit, höchstwahrscheinlich auch. Unendlich wäre die Liste der Kontrollierten, meinte ein Anwalt des Britischen Geheimdienstes GCHQ lapidar. Unendlich sollte auch der öffentliche Aufschrei sein. Nur – ist er das? Snowden jedenfalls ist wohl schon wieder auf dem Sprung: Next Stop, Island!

Ob Wikipedia immer die Wahrheit sagt, ist wohl zu Recht ein kontroverses Thema. Das Wikileaks rasch reagiert auf News, ist mit untenstehendem Zitat aber wieder einmal bewiesen. Denn vor nur wenigen Stunden hat Edward Snowden nach Prism das zweite Geheimprogramm der Globalschnüffelei bekantgemacht. Tempora heisst die neue Big Brother Weltwohltat.

“Tempora ist ein geheimes elektronisches Ueberwachungsprogramm der Nationalen Sicherheit, betrieben von den British Government Communications Headquarters (GCHQ)”

“Tempora is a clandestine national security electronic surveillance program operated by the British Government Communications Headquarters (GCHQ)”
Tempora, Wikipedia

Der US Amerikanische Whistleblower aka. von Tarpley (wohl doch eher ungerechtfertigt) als CIA Taube Verschriener ehemalige NSA Contractor Edward Snowden will nicht aufhören, Geheimnisse preiszugeben – obwohl ihn sein Papa angefleht hat, endlich zu schweigen und zu Vater USA zurückzukehren. Ein merkwürdiges Verhalten, finden Sie nicht, Herr Tarpley, dass eine CIA Taube einfach nicht schweigen will.

Wie der englische Guardian heute berichtet, übertrifft die britische Internet-Spionage offenbar noch die des US-Geheimdienstes NSA und schöpft weltweit gewaltige Datenmengen ab – die sie dann mit dem NSA schön “brüderlich” teilt. Tempora heisst das Programm, was für ein netter Name. Wer wird da wohl auf lauwarm temperiert, die Daten, die man “nur” temporär speichert, oder der Bürger, der wohltemperiert ganzvergläsert wird?

Das Internet beherrschen wollen die Briten, dabei sagt man einigen von ihnen doch schon lange nach, sie beherrschen die Welt. Und die globale Telekommunikation sich erschliessen. Seit 1 1/2 Jahren laufe die Geheimoperation, wird berichtet. Der gesamte, weltweite Internet Verkehr werde 30 Tage zwischengespeichert, heisst es. Wow. Das sind Superlative. Danke, England, danke Big Brother, danke Totalüberwachungswelt.

“Der eine heißt “Mastering the Internet”, übersetzt “Das Internet beherrschen”, der andere “Global Telecoms Exploitation”, “Erschließung der globalen Telekommunikation”. Alleine an diesen beiden Formulierungen werde deutlich, welche Ausmaße die Überwachungsmaßnahmen der Briten haben. Seit 18 Monaten, berichtet der “Guardian”, laufe eine Operation namens Tempora. Dabei würden Glasfaserverbindungen, über die der weltweite Internet-Verkehr läuft, vom GCHQ angezapft und für bis zu 30 Tage zwischengespeichert. Die betroffenen Unternehmen dürften darüber kein Wort verlieren und könnten zu dieser Kooperation notfalls gezwungen werden, heißt es weiter.”
Spionageskandal: Britischer Geheimdienst speichert weltweiten Internet-Verkehr, Spiegel

Edward Snowden hat inzwischen weitere Dokumente vorgelegt, welche die Existenz von Tempora beweisen. Und dies wird auch nicht mehr von offizieller Seite dementiert.

Aber, wie auch schon die NSA “Geheim”-Operation Prisma, soll die globale Abhöraktion ohne Grenzen der Briten der Verhinderung von Terrorismus dienen. Ach ja? Haben wir das nicht schon ein – oder vielleicht gar zweimal ? – gehört seit der ominösen Terrorattacke am ominösen 11. September vor 12 Jahren?

All die neuen Big Brother Gesetze, die Kameras, die Geheimgefängisse, die Drohnen, die Aushöhlung des letzten Rests Privatsphäre sind überhaupt kein Problem, denn sie dienen löblicherweise der internationalen Terrorismusbekämpfung. Danke, kann man da nur sagen, lieber Freund Geheimdienst. Danke, omnipotenter, omnipräsenter Vater Staat. Vielen Dank aber auch…

“Die Existenz des Programms wurde in den Dokumenten gezeigt, die dem Guardian vom NSA Whistleblower Edward Snowden zur Verfügung gestellt wurden als Teil seines Versuchs, zu entlarven, was er als “das größte Programm der verdachtsfreien Überwachung in der Geschichte der Menschheit” bezeichnet. “Es ist nicht nur ein US-Problem. Das Vereinigte Königreich ist eine riesige Komponente in diesem Kampf”, sagte Snowden dem Guardian. “Sie [GCHQ] sind schlimmer als die USA.” Doch am Freitag hat eine Quelle mit Kenntnis der Geheimdienste argumentiert, dass die Daten rechtlich korrekt gesammelt wurden im Rahmen eines Systems von Sicherheiten und Material zur Verfügung gestellt hatten, das einen bedeutenden Durchbruch bei der Erkennung und Verhütung von schweren Straftaten ermöglichte.”

“”The existence of the programme has been disclosed in documents shown to the Guardian by the NSA whistleblower Edward Snowden as part of his attempt to expose what he has called “the largest programme of suspicionless surveillance in human history”. “It’s not just a US problem. The UK has a huge dog in this fight,” Snowden told the Guardian. “They [GCHQ] are worse than the US.” However, on Friday a source with knowledge of intelligence argued that the data was collected legally under a system of safeguards, and had provided material that had led to significant breakthroughs in detecting and preventing serious crime.”
GCHQ taps fibre-optic cables for secret access to world’s communications, The Guardian

Ein potentes Ding, dieses Tempora. Nicht umsonst sagen wohl so einige der sogenannten Verschwörungstheoretiker, nicht die USA sondern das “liebliche” Britannien sei das wirkliche Auge des NWO Zyklons.

21 Petabytes an Informationen könnten verarbeitet werden aus der Datenmasse, die die GCHQ Kabel zurzeit abzapfen. Und das Programm wird stetig vergrössert, bis Terrabits verarbeitet werden können.

Tempora muss sich durchaus nicht vor der NSA Neuschöpfung Bluffdale im beschaulichen Utah verstecken.

“Die Kabel, die von GCHQ verwendet werden, können Daten mit 10 Gigabit pro Sekunde übertragen in der Theorie, d.h. sie liefern bis 21 petabytes an Informationen pro Tag. Das Programm wird täglich weiterentwickelt durch die Behörde, mit dem Ziel, bis zu dem Punkt zu kommen, an dem es in der Lage ist, Terabits (Tausende von Gigabits) von Daten auf einmal zu verarbeiten.”

“The cables used by GCHQ can carry data at 10 gigabits per second, which in theory, means they could deliver up to 21petabytes of information per day. The program is continuing to develop on a daily basis with the agency aiming to expand to the point it is able to process terabits (thousands of gigabits) of data at once.”
British spy agency has access to global communications, shares info with NSA, RT

Und in Grossbrittanien geht es auch (wen wundert das) schön kapitalistisch zu. Nicht nur haben die betroffenen Firmen bereitwillig mitgemacht, sondern sie wurden sogar noch finanziell für ihrer “Bemühungen” in Sachen Big Brother entlohnt – und von der Geheimdienstbehörde effektiv gechützt vor schlechter Publicity.

“Dem „Guardian“ zufolge wurde „suggeriert, dass Firmen für ihre Co-Operation mit dem GCHQ bezahlt wurden und der Geheimdienst sich sehr bemüht hat, ihre Namen geheim zu halten“.”
Briten saugen Daten aus Transatlantik-Leitung, Focus

Ganz erstaunt ist der Amerikaner nun, dass nicht nur er die Welt abhört sondern auch von “Overseas” abgehört wird. Und gemäss der Aussage eines leitenden Angestellten der Britischen Geheimdienstbehörde GCHQ mit noch weniger Kontrollen als in den USA. Noch weniger, geht das?

Und wenn dann die NSA etwas suchte im Britischen Abhördatenmeer, dann hiess es, nehmt euch was ihr wollt. Sehr nett, so ein Schnüffelfreibrief. Was will der von globaler Totalkontrolle feuchtträumende Geheimdienstbedienstete mehr?

“In vertraulichen Unterrichtungen, machte einer der leitenden juristischen Berater des GCHQ, den der Guardian nicht nennen will, eine Notiz für seine Gäste: “Wir haben eine Light Aufsicht im Vergleich mit den USA”. Der parlamentarische Geheimdienst- und Sicherheitsausschuss, der die Arbeit der Agenturen hinterfragt, sei hilfreich den Schwierigkeiten der Agenturen gegenüber eingestellt, meinte er. Und Amerikanische Kontrollmechanismen spielen natürlich überhaupt keine Rolle. “Wenn es um die Beurteilung der Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit, was sie suchen durften ging”, berichtet der Guardian, wurde potentiellen amerikanischen Benutzern gesagt, “was auch immer ihr wollt”.
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“In confidential briefings, one of [GCHQ]‘s senior legal advisers, whom the Guardian will not name, made a note to tell his guests: “We have a light oversight regime compared with the US”. The parliamentary intelligence and security committee, which scrutinises the work of the agencies, was sympathetic to the agencies’ difficulties, he suggested. And American oversight mechanisms, of course, play no role at all. “When it came to judging the necessity and proportionality of what they were allowed to look for,” the Guardian reports, “would-be American users were told it was “your call”.”
The UK Tempora Program Captures Vast Amounts of Data — and Shares with NSA, The Atlantic Wire

Aber der NSA hält sich selbstverständlich an die – durch ein US Geheimgericht abgesegneten – gesetzlichen Randbestimmungen und ihm würde nie in den Sinn kommen, von den noch lascheren britischen Gesetzesbestimmungen zu profitieren.

“”Jede Behauptung, dass die NSA auf seine ausländischen Partner setze, um US-Gesetz zu umgehen, ist absolut falsch. NSA bittet seine ausländische Partner um keine geheimdienstlichen Aktivitäten, welche die US Regierung aus rechtlichen Gründen selber nicht durchführen dürfte.”, sagte Emmel.”

“”Any allegation that NSA relies on its foreign partners to circumvent U.S. law is absolutely false. NSA does not ask its foreign partners to undertake any intelligence activity that the U.S. government would be legally prohibited from undertaking itself,” Emmel said.”
British spy agency taps cables, shares with U.S. NSA – Guardian, Reuters

Wer jetzt Edward Snowden immer noch einen “Fake”, einen “CIA Lockvogel” oder ähnliches nennt, gerät nun schon etwas in Erklärungsnot. Welcher Geheimdienstbehörde genau würde es nützen, dass Prism und Tempora zum Thema öffentlicher Diskussion werden? Das heisst nicht, dass solche Theorien vollkommen unmöglich sind, aber wahrscheinlich? Wohl eher nicht.

Und warum sollte Snowden um den halben Erdball flüchten, wenn er “nicht echt” ist? Der Privatjet nach Island wartet augenscheinlich schon auf ihn…

“Für ihn steht bereits ein Privatjet bereit auf einem nicht näher beschriebenen Flughafen Chinas, sagte ein isländischer Unternehmer, Olafur Sigurvinsson, Besitzer einer Firma, die mit Wikileaks in Kontakt steht, Datacell.”

” Per lui e già pronto un aereo privato in un non meglio precisato aeroporto della Cina, ha fatto sapere un imprenditore islandese, Olafur Sigurvinsson, proprietario di un’azienda in contatto anche con Wikileaks, la DataCell.”
Gran Bretagna, Snowden svela “Tempora”: la sorveglianza sulla rete a fibra ottica, La Repubblica

Der Abhörskandal scheint perfekt. Aber was macht das schon noch aus?

Der GCHQ Anwalt hat es – nennt man das den berühmten britischen schwarzen Humor – jedenfalls prägnant formuliert: Das Tempora Programm sei so gross, dass die Erstellung einer Liste der kontrollierten Personen unmöglich sei, da die Liste unendlich wäre. Unendlich im Sinne von gut 7 Milliarden etwa?

“Die Ergebnisse dieser Kontrollen sind auch geheim. Laut einem Anwalt aus der GCHQ ist das Programm zum Beispiel so groß, dass die Erstellung einer Liste von der Menge der kontrollierten Personen her unmöglich sein würde, weil dies eine unendliche Liste wäre”.

De uitslag van dit soort controles is eveneens geheim. Volgens een advocaat van de GCHQ is het programma bijvoorbeeld wel dusdanig grootschalig dat het opstellen van een lijst van de hoeveelheid gecontroleerde personen onmogelijk zou zijn “omdat dit een oneindige lijst zou zijn”.
‘Britten tappen kabelverbindingen af, onder codenaam Tempora’, NRC.nl

Also müssen wir jetzt nicht mehr vorwurfsvoll nach Amerika schauen, sondern können im beschaulich altertümlichen Europa bleiben – und uns wundern. Und uns “freuen”, dass Tempora so effektiv ist. 95% des weltweiten Datenverkehrs können die abzapfen – da würde man fast vermuten, dass die restlichen 5% nur der statistischen Ungenauigkeit dienen.

“Laut internen GCHQ-Informationen greifen britische Agenten auf zahlreiche Faserwellenleiter-Verbindungen zu, über die Schätzungen zufolge rund 95 Prozent des internationalen Online-Datenverkehrs läuft.”
Britische Agenten spähen Internetnutzer aus, 20min

Snowden ist ein Whistleblower und nimmt damit – ähnlich Manning – auch ein beträchtliches persönliches Risiko auf sich. Snowden ist auch ein Pokerer, denn er spielt aufs Ganze. Warum sollte er aufhören und auf seinen Papi hören, wenn er damit noch etwas mehr erreichen kann? Darum?

“Die US-Justiz hat Edward Snowden, den Enthüller des Spähprogramms Prism, offiziell der Spionage beschuldigt. Dies berichtet die Zeitung «Washington Post».”
US-Justiz will Snowden wegen Spionage anklagen, 20min

Und er überlegt sich wohl auch, wie er seine Haut möglichst teuer verkaufen kann d.h. sich über Bekanntheit vor einem möglichen geheimdienstlichen Zugriff mit oder ohne Lizenz zum töten so gut es geht schützen.

Und vielleicht hofft Snowden auch, mit den Enthüllungen über den Britischen Abhörskandal endlich seine Landsleute aufzuwecken. Naiverweise? Gut möglich.

Jedenfalls sollte jetzt die globale Menschenmasse zweifelsfrei wissen, dass man uns lückenlos überwacht. Das Internet ist damit zu einem einzigen virtuellen Ueberwachungsstaat geworden.

Und die Abwehrmöglichkeiten der Menschheit gegen diese geheimdienstliche Arroganz? Keine… ausser offline gehen. Und – können wir uns das noch leisten?

Ueberhaupt stellt sich bei all diesen Skandalen die einsam traurige Frage:

Sind wir überhaupt noch aufzuwecken – oder ist uns eh schon alles egal?


Aus dem Webarchiv gefischt.

2 Antworten zu “Im Auge des Britischen Abhörzyklons: Tempora, das GCHQ Baby

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