Der Isolant – Ein Leben in der Warteschleife – Teil 2

„ACHTUNG, ACHTUNG … und wieder ist ALLES FIKTION, NICHTS DAVON entspricht der WAHRHEIT! Alle Personen und die Handlung sind immer noch frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden Personen wären wieder nur rein zufällig!“
TEIL 2
7.

An diesem Tag sollte ich bis zum späten Abend in der Versicherung arbeiten. Es waren nur noch wenige Mitarbeiter im Büro. Merkwürdig war, das ausgerechnet an diesem Abend einige der Mitarbeiter so ungewöhnlich nett zu mir waren. Frau Wegener aus der Buchhaltung zum Beispiel bot mir in der Teeküche ein Stück Sandkuchen an. 

Ich saß zerknirscht hinter einer Kaffetasse auf der „zu früh, zu kalt, zu Montag!“, stand und las den dämlichen Satz immer wieder von oben nach unten in einer Endlosschleife, als Frau Wegener plötzlich neben mir stand.

„Was ist denn mit Ihnen los? Sie sehen ja noch schlimmer aus als sonst und sonst sehen Sie schon schlimm genug aus! Wollen Sie ein Stück Kuchen, ist noch übrig vom Geburtstag von Frau Hauser?“.

Ich machte mir nicht die Mühe, zu ihr hinauf zu gucken. Sie hielt mir den Kuchen vor die Nase.

„Stellen Sie ihn auf den Tisch“ sagte ich. Wahrscheinlich sah man mir mein Unglück an der Nasenspitze an. Denn plötzlich kam auch noch Frau Krüger aus der Personalabteilung. „Sie sehen aber blass aus? Geht es Ihnen nicht gut?“. Angewidert sprang ich vom Stuhl auf.

„Ich hab genug von euch! Lasst mich in Ruhe! Ich will keinen Kuchen! Ich will nichts hören, ich will nichts, ich will nur mein Paket!“, rief ich blind in den Raum und stürmte in die Toilette. 

Im Spiegel sah ich mein Gesicht. Es sah wirklich blass aus. Es war, als würde mich jemand, den ich mal kannte, erschrocken, krank und vorwurfsvoll aus dem Spiegel ansehen. So, als ob ich ihm etwas angetan hätte.

Wie mir diese Mitarbeiter auf die Nerven gingen. Wieso konnten sie nicht vor ihren Bildschirmen sitzen wo sie hingehören, ihre Maske tragen und ansonsten die Klappe halten. Warum kann nicht jeder durch einen Automaten ersetzt werden? Ich verachtete den Rest an menschlichen Zügen in mir. Diese Grauzone, dieser Schatten. Wie beruhigend ist im Gegensatz dazu der bereits transformierte, genetische Quellcode.

8.

Um 21 Uhr verließ ich die Versicherung. Auf dem Rückweg fiel mir ein, dass ich noch Lebensmittel einkaufen musste. Der Supermarkt hat täglich bis 22.30 geöffnet. Normalerweise kaufe ich alles übers Internet. Lebensmittel kaufe ich allerdings nach wie vor im Supermarkt. Auch wenn mich die Leute anwidern. Es ist einfacher und leider immernoch billiger.

 Vor dem Supermarkt saß wie jeden Tag die alte Romafrau auf ihrem bescheuerten Klappstuhl, braungebrannt, zerfaltetes Gesicht, Kopftuch. Auf ihrem altbackenen Faltenrock, in ihrem Schoss, stand ihr alberner Holzbecher für das Geld. Die hatte noch nicht mal den Anstand einen Mundschutz zu tragen. Weiß Gott, was die für Krankheiten in die Welt hinein schnauft.

Geht man an ihr vorbei, setzt sie immer das dämliche Grinsen auf. Aber damit hat sie mich noch nie rum gekriegt. Ich wette, das sie jünger ist als sie aussieht. 

Seltsamerweise musste ich heute, als ich an der Alten vorbei ging, an diesen Buddha denken. Nicht das ich viel über ihn wusste, ich kannte nur, was ich im Internet mal über ihn gelesen hatte.

Wie sie so auf diesem Klappstuhl saß, sah sie wie dieser Buddha aus. Auch diese runde, gedrungene Figur passte. Der Buddha soll ein richtiger Influencer gewesen sein und der Ursprung einer globalen Bewegung. So wie unsere K. & K.´s ohne die es die KKDHT-Church nicht gäbe und ohne KKDHT-Church keine genetische Upgrades und ohne genetische Upgrades keine Transformation und ohne Transformation keine Singularität von Mensch und Maschine. 

Jemand sollte ihr Nanobots ins Gehirn spritzen, damit sie einer anständigen Tätigkeit nachgeht. Nanobots lassen sich gut über eine Verhaltenssoftware steuern. Das wird demnächst das Gesindel von unseren Straßen fegen.

Meistens murmelte die Alte unverständliches Zeug. Als würde beim Vorbeigehen eine Lichtschranke in ihrem Kopf einen Schalter aktivieren.

Diese Buddhisten sollen Tagelang auf ihrem Hintern sitzen und darauf warten bis etwas abgefahrenes mit ihrem Bewusstsein passiert. Allerdings tut ihnen in der Regel nur der Hintern weh. Da haben wir es in der KKDHT-Church besser, wir bekommen alle 6 Monate die Injektion damit die Transformation auf genetischer Ebene stattfinden kann. Das Bewussten ist der biologische Quellcode. Einen Geist gibt es zum Glück in der KKDHT-Church nicht.

Im Supermarkt war ich einer der wenigen, der die Maske korrekt trug. Die meisten Menschen verhalten sich fahrlässig. Die sehen nicht, wie sie krank machende Erreger in die Luft spucken. Am schlimmsten sind diese Kinder, die alles mit ihren infektiösen Händchen betatschen müssen. Die Menschen verstehen nicht, dass sie mittelmäßige, in Fleisch eingebettete Betriebssysteme sind ohne Firewall und einer veraltete Antivirensoftware. Es wird Zeit, das alle ihre Upgrades erhalten. Schluss mit den halbherzigen Experimenten.

9.

Als ich aus dem Supermarkt kam und an der Alten vorbei ging, natürlich gab ich ihr keinen Cent, mal davon abgesehen, dass demnächst sowieso kein Bargeld mehr im Umlauf sein wird, dann kann sie sich vom Acker stehlen, jedenfalls nahm sie ihr Bein zur Seite. Ich wusste nicht, ob sie das tat, um mich zu erpressen oder weil sie Angst um ihr krankes Bein hatte. Jedenfalls kippte ihr Regenschirm auf den Gehweg.

Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, ich beugte mich runter, um ihn ihr aufzuheben. Aber ich konnte es nicht zu Ende bringen. Ich ließ den Regenschirm auf halber Strecke fallen. Der Ekel war zu groß. 

Auf ihrem Schoss lag wie immer eine Tüte Sonnenblumenkerne. Ihr faltiger Mund kaute auf einem Kern herum und zwei Finger fischten die Schale heraus. Sie schaute mich an, als wollte sie etwas sagen. Aber stattdessen fing sie an zu grinsen. Ich konnte meinen Brechreiz gerade noch unterdrücken. „Wieder dieser Buddha?“, dachte ich plötzlich.

Was war nur mit mir los? Die Alte und Buddha, ein und dieselbe Person? Diese Idee, diese verrückte Idee; „ein und dieselbe Person!“, hämmerte sich in meinen Verstand. Aber es gab doch nur die KKDHT-Church, die Upgrades, die Transformation. Etwas schien sich zu verselbständigen. Ich stand buchstäblich neben mir und sah, wie ich verwirrt vor der Alten stand.

Was passierte? Ich verspürte den unwiderstehlichen Drang mich wie die Alte auf einen Klappstuhl zu setzen, um diese rätselhafte Bewusstseinsexplosion zu erleben.

Wie kann man so etwas wollen? Schließlich ist das Bewusstsein nur ein Quellcode. Der kann nicht explodieren. Da gibts nur Nullen und Einsen. 

Wie kann man tagelang auf einem Klappstuhl sitzen, auf Sonnenblumenkernen herumkauen, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, dabei grinsen und nicht durchdrehen? Die Vorstellung brachte mich halb um meinen Verstand.

Mit meinem albernen Baumwollbeutel mit Lebensmitteln musste ich mich vor Erschöpfung auf die Parkbank setzen. Die Erschöpfung ergab keinen Sinn, ich mache doch alles richtig. Ich habe sogar ein eingerahmtes Foto von K & K über meinem Schuhregal hängen.

K & K & Co. hatten uns in dieser bösartigen Pandemie den einzig korrekten Weg hinaus gezeigt. Der Weg zur wahren Wissenschaft, die uns zur Wirkung der unumstößlichen Ursache gemacht hat. Der einzigen Ursache, die uns zum ergebenen Untertanen bestimmte und uns den nötigen Gehorsam dem heiligen genetischen Quellcode abverlangte.

Was letztendlich darauf hinauf läuft, dass wir alle besser genau das tun, was uns die KKDHT-Church aufträgt zu tun. Das wir das Denken den Algorithmen und Maschinen überlassen. Denn im Gegensatz zu uns sind die an Perfektion nicht zu überbieten. Die KKDHT-Church lehrt uns den nötigen Respekt- „Denn dein ist der Algorithmus, das Programm, der Prozess und die heilige Injektion!“

Daher beschloss ich, nichts anderes mehr zu tun als auf Sendungen zu warten, in einer Versicherung Datensätze zu synchronisieren, in einer schlecht belüfteten Wohnung vor einem Bildschirmen zu sitzen und ansonsten dem Leben den Rücken zu kehren. Denn das einzig wahre Lebensmodel ist die Isolation.

Alternativen interessieren mich nicht, weil ich es mag, wenn Dinge immer gleich bleiben. Mich interessieren keine Leute, weder was sie sagen noch was sie tun. Die wichtigste Aufgabe meines Daseins besteht darin, die Kette an Bestellungen nicht abreißen zu lassen. 

Ich sehe meine Verantwortung darin auf korrekte Statusmeldungen und fehlerfrei ausgefüllte Bestellformulare zu bestehen. Die Kooperation mit dem digitalen Raum ist meine Fahrkarte zur digital, biologischen Singularität.

Das einzige das mich interessiert, sind hin und her fahrende Kastenwägen, Scanner, Maschinen, Programme und die Algorithmen die uns verbinden. Mich interessiert kein Nachbar, keine Figuren aus meiner Vergangenheit. Diese Konstrukte, Gestalten, Illusionen sind allesamt das Produkt eines unvollkommenen Quellcodes und der einzige Weg aus dieser Hölle sind injizierte Nanobots, die diesen Quellcode upgraden.

Aber warum erschien mir dann alles plötzlich dennoch so absurd, wo ich doch der einzigen Wahrheit so nahe stand? Wahrscheinlich lag es an dieser Alten, die auf ihrem Hocker meinen Verstand infiltrierte, das würde es erklären, warum ich diese schlimmen Dinge dachte. Wahrscheinlich hatte die Alte meinen Verstand gehackt! Sie war nichts anderes als ein Virus.

Ich saß noch eine ganze Weile auf der Bank, der Schrecken saß tief. Irgendwann entdeckte ich meine Schuhspitzen, einige Kieselsteine, ein Blatt, zwei Zigarettenstummel, ein zertretenes Schneckenhaus und meine blassen Finger mit diesen wächsernen Fingernägeln und diesen weißen Schlieren, meinen unappetitlichen Bauch, diese unsportlichen Beine. Alles zusammengenommen eine optische Katastrophe. Was passierte mit mir, mit meinem Körper?

Aber wir brauchen doch die Transformation, die genetischen Upgrades ansonsten fällt doch das ganze System auseinander. Wir haben doch eine Verpflichtung der KKDHT-Church gegenüber. Ich muss doch gehorchen, tun, was die KKDHT-Church von mir verlangt. Es gibt doch keine Alternative!

Ich rappelte ich mich auf, bewegte diesen trägen, unwirklichen Körper nach Hause.

Spatzen flatterten vom Ast und hüpften aufdringlich vor mir herum. Ich hörte wie sie sagten: „Los, rück dein Fressen raus! Du hast genug, wir wissen es. Spiel nicht das Unschuldslamm!“, trotz meiner Abneigung Vögeln gegenüber, warf ich ihnen eine Schrippe in den Dreck. Gierig hackten sie ihre kleinen, schmutzigen Schnäbel in den gebackenen Teig. Die Natur ist gnadenlos, machen wir uns nichts vor. Und ich bin ihr letztendlich gnadenlos ausgeliefert.

ENDE Teil 2
TEIL 3 folgt vielleicht in kürze!

Der Isolant – Ein Leben in der Warteschleife

Der Isolant – Ein Leben in der Warteschleife – letzter Teil

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Der Isolant – Ein Leben in der Warteschleife – Teil 2

  1. Das klingt nach einer Traumhaften Zukunft …
    Einen Vorteil hätte es so zu leben, man müsste sich nicht mehr mit den Dumpfbacken herumärgern die unhinterfragt alles glauben, die bereits so SIND wie unser Protagonist, ganz ohne Nanobots

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  2. Hat dies auf Märchen von Wurzelimperium S1 SunShinE rebloggt und kommentierte:
    Die Zukunft vieler die Gegenwart einiger

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