TWIXTNESS oder Die Kunst des Zwischenseins

Wenn man sich in einem beliebigen Terrain bewegen möchte, dann gilt ausnahmslos (außer für Gespenster), dass man dies nur in Freiräumen bewerkstelligt bekommt, also keine Sperren, Hindernisse, Massen den Weg versperren, blockieren.

Unsere Urahnen kannten keine Schneisen, geteerte Feldwege oder Prachtboulevards durch die Wildnis in der sie sich bewegen und dafür deutlich beweglicher sein mussten als wir heutzutage!
Sie mussten sich durch Zwischenräume zwängen, krauchen, krabbeln, über Gräben springen oder Hindernisse klettern – kurz: über eine beachtliche Mobilität verfügen.

In vielen von ihnen genutzten Höhlen ist es extrem mühsam sich zu einem Freiraum vorzuquälen, wo sie dann irgendwelche Zeremonien abhielten, Kunstwerke an Wände malten oder schlicht übernachteten.

Ein Urwald (egal ob ein nordindischer Dschungel oder ein Bayerischer Wald) ist in weiten Teilen nicht zu ‚begehen‘ – man muss viel klettern, kriechen, hangeln oder sich hindurchquetschen.
Deshalb sind bei den meisten auch große Plätze, Alleen oder Prachtstraßen sehr beliebt – sie symbolisieren den Sieg über die Natur durch Bemächtigung des Freiraums, der mit zur Unbescheidenheit beiträgt, weil der Urwald, die Höhle, Felsgebiete u.ä. einen zur Demut in Form der eigenen Unterwerfung unter diese Bedingungen zwang.

Heutzutage gibt es kaum noch Urwald, keinerlei Notwendigkeit Naturhöhlen als Schutzraum aufzusuchen oder zwangsläufig Geröllfelder zu queren etc.
Dafür gibt es aber andere demütigende Engpässe, Zwangspfade und Verhaltensdickichte.
Z.B. Gesetze, Normen, Standards, Nivellierungen und Kreativkastrationen.
Die sind es nun, die unseren Bewegungsfreiraum immer mehr einschränken bis zur Unbeweglichkeit dank Abhängigkeitsketten, Klammern an Karriereleitern oder die Kasernierung in Tretmühlen.

Die Türen, Pforten der Wahrnehmung, der Entziehbarkeit, des Überschreitens der systemischen Schwellen in Handlungsspielräume werden zunehmend verschlossen, zugemauert oder entrückt, unerreichbar gemacht.

Wenn man sich ein rechtwinkliges Netz betrachtet, so sind über 90 Prozent eigentlich Freiraum, Schlupfloch, Leere.
Die verknüpften Stränge der linearlogischen, eindimensionalen Systemfesseln machen den geringsten Anteil daran aus.
Deren Wirksamkeit liegt nur darin begründet, dass so viele damit beschäftigt sind auf diesem Netz wie auf einem Drahtseil zu balancieren, um nicht abzustürzen, falls sie das Führungsseil der vielen Regelungen verfehlen.
Sie sind so fixiert auf das schrittchenweise entlang hangeln an Vorschriften, Gängelungen, Willkürlichkeiten, um Fremderwartungen zu erfüllen, dass sie die Freiräume direkt zu ihren Füßen nicht mehr bemerken.
Einen Schritt mal beiseite treten reichte oft schon aus.
‚Das ist dein Tod! Du Narr!‘ plärren einem permanent die Systemlautsprecher zu -‚Bleib ja auf der Spur, sonst stürzt du in die Bedeutungslosigkeit, in den verschlingenden Abgrund ohne Wiederkehr!‘ etc.

Glatt gelogen.
Das Loch ist der Weg in die Freiheit, raus aus dem Netz der Seelenfischer, die dich nur darin gefangen halten wollen bis sie dich ausreichend verwertet und verkauft haben.

Es kann in diesem gesamten Universum kein hermetisches System geben!
JEDES System MUSS Lücken, Öffnungen haben, sonst erstickt es rasch an sich selbst.
Es muss Schnittstellen aufweisen für die Wahrnehmung der Umgebungsbedingungen und benötigt Permeabilität zur Systemosmose für den Selbsterhalt.

Selbst Fort Knox hat Türen, Frischluftzufuhr, Lieferöffnungen, Kabeldurchlässe, Röhrenleitungen u.ä. oder schlichte Materialmängel, Abnutzungserscheinungen, Schwachstellen.
Mäuse, Schaben, Spinnen etc. wissen Bescheid.

Und nicht selten erweist sich sogar das Netzwerk selbst überraschend durch Vexierung seiner als Vehikel, Drehtür, Transportband für die eigenen Interessen.
Die Erschließung von Freiräumen selbst in einem sehr restriktiven System beruht zu allererst auf einer flexiblen Betrachtungs-, Deutungs- und Nutzungsweise.
Bildhaft: für die Maus im Knast ist dieser natürlich gar keiner.
Sie kann sich sogar freier dort bewegen als die Wärter selbst.
Funktioniert natürlich nur, wenn man sich kleiner machen kann, unauffälliger für die Wahrnehmung des Systems, ein geschultes Sensorium für Optionen besitzt und keine Scheu hat unbequeme oder unbekannte Wege zu beschreiten!
Dann kann es sogar eine Menge ‚Zwischen‘ geben, das die ‚Maus‘ zum wahren Herrscher über den ‚Knast‘ werden lässt.
Auch ein Biss an der richtigen Stelle kann sensible Technik ausschalten und das System erblinden, reaktionsunfähig werden lassen – alles schon passiert.
Brosamen finden sich genug um davon existieren zu können.
Ansonsten macht sich die Maus halt über die Pausenmahlzeiten der Wärter her oder geht gleich in die knasteigene Küche, das Lager.

Werden Katzen eingesetzt gegen Mäuse, dann konsumiert man halt ‚Tom & Jerry‘, um zu lernen wie Selbstbehauptung funktioniert auch gegen vermeintlich ‚übermächtige‘ Gegner.
Einer der Hauptschlüsselpunkte ist die Gewitztheit.
Gewitztheit bedeutet etymologisch soviel wie ‚Gewusst wie!‘ aufgrund eines Geistes, der Alternität, Vexiere, Improvisation kennt und sich darauf verlassen kann, im Gegensatz zum Gegner, der noch nicht mal versteht, was da abläuft und wie ihm geschieht.
Man darf nur nicht träge, bange sein und sollte das Ganze sportlich nehmen.

Ansonsten entdeckt man neues ‚Zwischen‘ am besten mit rastloser Neugier, Expermentierfreude und Vermeiden jegleicher Trampelpfade.
Routinen, Rituale, Reiterationen u.ä. sind echte ‚Mausefallen‘, denn sie machen berechenbar und damit fangbar.
Zufallsverliebtheit kann auch nicht schaden – die meisten Entdeckungen sind diesem geschuldet und nicht exquisiten Kenntnissen, Fähigkeiten oder Planungen.
Muss man mögen lernen.

Wenn man dann auch mal Hunger aushalten, Zielefixierungen vermeiden und Einseitigkeit vermeiden kann, hat man ein wirklich brauchbares Blatt auf der Hand.
Zur Erinnerung: Grand-Ouvert ist nicht alles – Null-Ouvert sticht genauso gut 😉

Wer natürlich Sicherheit, Berechenbarkeit, Komfort liebt und Konflikt, Konfrontation, krasses Zeug scheut, sollte vielleicht gar nicht erst anfangen das ‚Zwischen‘ aufzusuchen.

Es ist wie bei den Kippbildern:

Die überraschende Wendung ist nur einen Wimpernschlag entfernt 🙂
Wer aber über den Blick der Angststarre Auswege sucht, wird nur Tränen finden.

Zuguterletzt muss man Geduld haben und warten können, dass der ‚Systemknast‘ an sich selbst implodiert.
Das wird passieren, weil kein Regelwerk der Welt alles abdecken, sichern kann ohne sich selbst zu garrottieren!
Und bis dahin findet man sein Auskommen im ‚Zwischen‘, dem magischen Ort der Ambivalenzen.

31 Kommentare

Eingeordnet unter Bewusstsein, Bilder, Bildung, Freiheit, Gleichnisse, Menschen, Natur, Philosophie, Schönes, Sinn, Weisheit

31 Antworten zu “TWIXTNESS oder Die Kunst des Zwischenseins

  1. NICK MOTT


    DAS hier ist die eigentlich einzig senrechte Interpretation von ‚TAO‘ (aka Tai Chi, Yin-Yang etc.).
    Warum?
    Weil hier das Wesentliche gezeigt wird, was ansonsten äußerst unüblich ist:
    Der ‚Pfad’/’Weg‘ (Tao) schlängelt sich ZWISCHEN den beiden Hälften und die Polaritätshälften weisen keine gegenfarbigen Punte aus, sondern zeigen durch ihre Gleichfarbigkeit mit dem Hintergrund, dass an diesen Stellen LÖCHER zu verorten sind!
    Das bedeutet also, dass es IMMER AUSWEGE gibt, bzw. Pfade ZWISCHEN konträren, konfliktgeladenen, konfrontativen, auf Ausschließlichkeit des jeweils Anderen ausgerichteten Kräften, ‚Systemen‘ usw.
    Es meint eben, dass es weder ‚hermetisch‘ abgeschlossene Systeme geben KANN, als auch der einzige Freiraum darin besteht sich NICHT von einer unipolaren, unilateralen, unidirektionalen Sichtweise vereinnahmen zu lassen.
    Diese Freiheit ist nur einen Wimpernschlag entfernt wie hier nochmals:

    Das komplette Gegenteil ist dieser Dame implizit – man sieht aber erst mal immer nur eine Option und bleibt daran hängen.
    Wenn man es nicht geübt hat, fällt es schwer OHNE die Blickhilfen seitlich die Richtung ändern zu lassen.
    Aber BEIDE Optionen sind IMMER und KOMPLETT JEDERZEIT vorhanden wie verfügbar.
    Dasselbe gilt für jede Form, Funktion aso. – sie sind IMMER ambivalent – man muss es nur sehen können/wollen.
    So wie Schönheit im Auge des Betrachters liegt verhält es sich auch mit der Freiheit.
    Einfach mal den Wechsel der Sichtweisen üben…da ändert sich vieles und man erkennt plötzlich Türen, Pfade, Optionen, die vorher tatsächlich unsichtbar, wie überhaupt nicht vorhanden zu sein SCHIENEN.
    Wie sagte noch die Geheimratsecke Goethe:
    „Das Auge ist kein Instrument zum Sehen, sondern um das Sehen einzuschränken.“
    Mit nem Teleskop erkenne ich kein Käsebrot auf dem Küchentisch und mit einem Mikroskop suche ich selbst den Vollmond vergebens.
    (die Links beziehen sich auf die Mediathek, hoffe das funktioniert -*anm. admin: ja, funzt schon, aber resizen tut wordpiss eigenständig 😉 )

    Gefällt 1 Person

Leserbrief schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s