Von Friedrich Nietzsches Übermensch und Erich Neumanns neuer Ethik

Friedrich Nietzsche und Erich Neumann sahen uns Heutige vor einem epochalen Sprung stehen und haben diesbezüglich analoge Überlegungen entwickelt.

Nietzsche (1844-1900) tat dies von der antiken Literatur herkommend und als der von allen Untertanengeistern mit Inbrunst gehaßte radikale Kritiker von Ideologie und organisierter Religion (insbesondere des Christentums); der Mediziner und Psychologe Erich Neumann (1905-1960) kam von der kulturhistorisch fundierten Archetypenlehre von C.G.Jung her.

Als kulturhistorisch orientierte Denker haben Nietzsche und Neumann beide einen sich über Jahrtausende spannenden Bogen zusammenhängender kultureller Entwicklung gespannt.

Nietzsche läßt unsere aktuelle und in seiner Sicht pointiert geist-materie-dualistische Epoche bei bereits Sokrates/Plato beginnen und unterteilt diese Epoche in eine erste Phase, eine religiöse, die er die des „Menschen“ nennt, und in eine zweite, welche mit der Moderne hervorgekommen ist und die Nietzsche – vielsagend, aber mitnichten den Untergang beschwörend – als die des nun atheistischen „letzten Menschen“ bezeichnet, mit dessen Gottlosigkeit der Geist-Materie-Dualismus erst zu seiner völligen Entgrenzung gelange.

Das Kirchenchristentum, „Sklavenreligion par excellence“, betrachtete Nietzsche als durch und durch geist-materie-dualistisch, was ihn zu dem keineswegs paradoxen Schluß führte, die Moderne sei zwar atheistisch, aber eben deshalb zugleich „höchste Blüte des Christentums“!

Jener Menschentypus, der die mit dem Geist-Materie-Dualismus gegebene Geringschätzung des Materiellen UND SO ZUGLEICH DIE DES MENSCHEN GEGENÜBER SICH SELBST überwinden würde, ist Nietzsches bei allen Untertanen übel beleumundeter „Übermensch“. Dieser kennt keine religiös oder ideologisch konstruierten Liebesgebote mehr; sich selbst nicht mehr ablehnend, sieht der Übermensch sein Eigeninteresse ganz selbstverständlich mit dem aller seiner Mitmenschen verbunden.

Nietzsches Denken führt ohne weiteres zu der Erkenntnis, Solidarität sei der Way of life der „Starken“, der „großen Jasager“, all derer, die Ja zu sich, zum Menschen überhaupt und zur Welt sagen.

Neumann, jüdischen Glaubens, lehnte Nietzsche wegen dessen vorgeblicher (siehe dazu Mazzino Montinari) Judenfeindlichkeit zwar vehement ab, Neumanns Denkansatz bezüglich des Geist-Materie-Dualismus‘ aber glich dem von Nietzsche wie ein Zwilling. Doch da, wo Nietzsche mit geradezu poetischer Sprachmacht dem Bewußtsein jenen besonderen, alles Weltgeschehen über mehr als zwei Jahrtausende bereits prägenden Dualismus nur vor die Augen rückte, entdeckte Neumann die Funktion jenes Dualismus‘ FÜR DIE ENTWICKLUNG DES BEWUSSTSEINS vom menschheitsfrühen Kollektiv-Ich aus hin zu einer „stabilen Bewußtseinstätigkeit“ als der notwendigen Voraussetzung für ein in eigener ethischer Verantwortung handelndes „individuiertes Ich“, negativ formuliert sozusagen für den Nichtuntertanen.

Die ethische Entgrenztheit des modernen Menschen sah er wie Nietzsche, jedoch lediglich als eine Überspitzung der Hochschätzung des Geistes, als „BewußtseinsKULT“.

Jene Überspitzung sei unter widrigen politischen Verhältnissen – die wir übrigens derzeit wieder zu konstatieren haben – Ursache von „Rekollektivierung“, eines plötzlichen Umschlagens des bereits individuierten Ich zurück in ein archaisches Kollektiv-Ich, wie dies im Nationalsozialismus beispielhaft sichtbar geworden sei (siehe «Tiefenpsychologie und neue Ethik») und was in selbstzerstörerisches kollektives Handeln führe — siehe aktuell das ökonomische Projekt zur Reduzierung von CO2-Emissionen!

Regelmäßig würden dann zur Kaschierung des Rückfalls des Bewußtseins in das Archaische der blutorgiastischen Fruchtbarkeitskulte menschheitsfrüher Ackerbauern Ideologien der „Reinerhaltung“ aufkommen — Reinerhaltung „der Rasse“ oder, wie derzeit, der Erdatmosphäre bzw. „der Umwelt“.

Wobei Neumann Bewußtsein als solches durchweg positiv und als Fähigkeit des Menschen versteht, Energie zu mobilisieren für zielgerichtetes Denken und Handeln. Und dabei helfe selbstverständlich – im Sinne einer Krücke – die Geringschätzung des Materiellen und Leiblichen!

Das sich entlang kulturhistorischer Artefakte aller Art entfaltende analytische Instrumentarium der archetypischen Psychologie stellt die Individuierung des Menschen als zentralen Motor der Menschheitsentwicklung vor. Hatte Neumann jene Entwicklung zunächst dem „Abendland“ exklusiv zugesprochen, rückte er später von dieser kulturelitaristischen Vorstellung ab (siehe Appendix B in «Ursprungsgeschichte des Bewußtseins»). Neumanns Konzept einer „neuen Ethik“ korrespondiert vollauf mit Nietzsches Übermenschen.

Autor: NO_NWO
DWB dankt!

4 Kommentare

Eingeordnet unter Bewusstsein, Bildung, Freiheit, Gastbeiträge, Menschen, Natur, Philosophie, Religion, Sinn, Weisheit

4 Antworten zu “Von Friedrich Nietzsches Übermensch und Erich Neumanns neuer Ethik

  1. Quelle?

    Davon abgesehen hat das gesamte Konstrukt einen gravierenden Fehler: Es fehlt die Erwähnung des Patriarchats.

    Anscheinend lehnen beide männlichen Denker eine naturgebundene, der Fruchtbarkeit und damit der natürlichen Freiheit (mitsamt ihren natürlichen dh. naturgegebenen Grenzen: Gleiches verbindet sich mit Gleichem, nur als Beispiel) Religion ab.

    Womit sie sich selbst widersprechen – es fehlt einfach zu viel in beider „Thesen“.
    Fruchtbarkeit bedeutet Bedrohung des patriarchalischen „Ich vererbe meinen Geist-meinen Materialismus-an den, von dem ich sicher weiß, daß er mein Sohn – ist Prinzips“. Alleine dieser Gedanke steht hinter der von den meisten Religionen präferierten Monogamie, im Christentum sogar durch ein Konstrukt namens „Ehe“ „kirchlich“ „besiegelt“. Das hatte natürlich früher massiven Erfolg, schließlich wurde so sicher gestellt, daß auch der letzte Omega-Mann eine Frau bekam und diese behalten durfte im Sinne eines Eigentums.

    Dabei waren Matriarchate immer die überlegenen Gesellschaftsordnungen – dies muß natürlich mit allerlei „Ideen“ und sonstigen „Lehren“ oder „ismen“ verschleiert werden. Es könnte die Welt erschüttern.

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  2. Nietzsche jedenfalls beschränkt seinen Übermenschen nicht auf Schwanzträger.

    „Dabei waren Matriarchate immer die überlegenen Gesellschaftsordnungen“

    Wage ich zu bezweifeln – ich denke sie halten sich die Waage.
    Letztenendes sind aber beide beschränkt, weil sie sich beide der Ganzheit verwehren.

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  3. Ganzheit ist mit Herr-schaft nicht möglich. Und der Weg der Erkenntnis, was Herr-schaft ist, führt genau ins Patriarchat. Wer das so gar nicht erwähnt, will zumindest etwas verschleiern.

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  4. Mit Frau-schaft genauso wenig. ;o)

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