Ich weiss, was Du im Krieg gemacht hast; mein unfreiwilliges Leben im Libanon (Teil 2)

Der Titel dieses Berichtes ist mir kürzlich auf dem Rückweg vom Einkaufszentrum „le Mall“ – in seiner Grösse das Zürcher „Glattzentrum“ weit übertreffend – eingefallen.

In Teil 1 habe ich über die libanesische Mentalität, die Rolle der Frau im Libanon und „erstaunliche Gesetze“ berichtet.


Kopftuchzwang?

Von meinen Freunden und Bekannten wurde ich oft gefragt, ob ich hier ein Kopftuch trage. Nein, das tue ich nicht, es besteht dazu keine Notwendigkeit (wobei es auch hier so ist, dass gewisse Religionen dies durchaus als Notwendigkeit sehen). Ich tat es nur bei zwei Gelegenheiten; zum einen bei der Beerdigung eines Familienmitgliedes, welche in einem eher konservativen Rahmen in Südlibanon (Hochburg von Hisbollah) stattfand, sodass ich es angebracht fand, als einzige Ausländerin nicht unnötig aufzufallen (was denn auch sehr geschätzt wurde), die zweite Gelegenheit war der Besuch bei einem Richter (in seinem Privathaus).

Haifa Whebe -eine der beliebtesten libanesischen Popsängerinnen- trägt weder Kopftuch noch sonst zuviel

Haifa Whebe -eine der beliebtesten libanesischen Popsängerinnen- trägt weder Kopftuch noch sonst zuviel

Ich wundere mich noch immer, wie Frauen mit langen Haaren, langer Kleidung (meist dazu noch Baumwolle und hauteng) und einem Kopftuch die oft unerträglichen Temperaturen von ca. 33-38 Grad mit Luftfeuchtigkeit von ca. 70% (!)  aushalten. Dass die Hitze mit solchen Kleidern erträglicher sei ist eine absurde Ausrede wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Nun, wer keine Wahl hat, hat auch hier  die Qual.

Die Frau wird zwar geschätzt (ich spreche vorallem vom Umfeld, in welchem ich mich hier bewege, d.h. in vorwiegend schiitischer Glaubensrichtung), aber nur solange sie sich an die Grundsätze hält, die ihr die Gesellschaft vorgibt. So ist es zBsp. durchaus nicht üblich, als Frau Männer im Freundeskreis zu haben. Aufgefallen ist mir auch, dass man abends zu später Stunde keine Frauen mehr in den Strassencafes oder an den improvisierten Sitzecken (Plastikstühle und Tisch) überall in den Strassen sieht. Männer in Scharen, von Frauen keine Spur. Es gibt nicht einmal „Frauencafes“, nein, die Frau gehört einfach nach Hause wenn es dunkel wird im Libanon. Punkt.

Ist im Libanon ein autonomes Leben als Frau möglich?

Der Libanon hat den Ruf, das liberalste Land im arabischen Raum zu sein. Das mag – verglichen mit den Rechten der Frauen in anderen arabischen Ländern wie zBsp. Afghanistan oder Dubai – so sein , Frauen dürfen hier wie gesagt Autofahren (auch ohne Führerschein, Männer nebenbei auch), das gehört zu einem Punkt in der Öffentlichkeit, wo die Libanesen nicht derart vom Staat eingschränkt sind, wie ich dies in der Schweiz als Schweizerin erlebe; die Staatskontrolle über den Schweizer Bürger ist hier ja bereits so ausgeartet, dass eine Frau die sich haltend am Rotlicht kurz ihre Lippen nachschminkt dafür eine Busse bekommt – ziemlich krankhaft, nicht? Im Libanon kann man sich die Lippen ohne Probleme auch WÄHREND der Fahrt und wenn nötig auch WÄHREND dem Parkieren schminken – ohne Busse.

Parkieren darf man ausserdem eigentlich überall. Die Chance, eine kleine Busse zu bekommen ist ca. 2 zu 98% (also zu 2% riskiert man eine Busse). Als Europäerin kann ich aber beim besten Willen nicht bestätigen, dass der Libanon in Bezug auf Gleichberechtigung und Freiheit für Frauen wirklich liberal ist. In unzähligen Dingen, die für mich in Europa völlig selbstverständlich sind bin ich hier so eingeschränkt, dass ich mir sehr oft wie in einem Gefängnis vorkomme.

Einige Beispiele: Motorradfahren ist „verboten“, je nach Ort sind Kleidervorschriften zu beachten (so gelten hier zT. normale lange Leggins als unseriös, da sie die Beine abzeichnen, kurze Miniröcke dagegen sind wieder ok, verstehe das wer will), bei Geschäftsangelegenheiten sind Frauen ebenfalls nicht unbedingt gerne gesehen, geschweige denn, dass es üblich ist, dass Frau diese alleine erledigt. Abends alleine mit KollegINNEN (von Kollegen gar nicht zu sprechen…) bis spät nachts in einem Restaurant oder Kaffee zu sitzen ist ebenfalls eine Unmöglichkeit. Für Männer natürlich kein Problem – klar. Frauen gehören halt ins Haus und am besten an den Herd. Eiei.

Die Liste könnte noch um einiges verlängert werden. Lustig (da so grotesk unemanzipiert), aber halt eben eher tragisch, ist auch die Tatsache, dass Männer ihrem Ärger (und es gibt viel davon in diesem kriegsbelasteten Land) egal wo, wann und wie laut Luft machen können (sprich schreien und fluchen), Frauen hingegen – wer hätte es gedacht – NICHT. Ist eine Frau in ihrer eigenen Wohnung wiederholt „zu laut“, kann dies durchaus zu einem schnellen Zwangsauszug führen. Uns ist ein Fall bekannt, wo eine Frau aus ihrem Wohneigentum verbannt wurde. Ob man ein Land in welchem in der heutigen Zeit noch solche absurden Zustände herrschen wirklich als grundsätzlich “liberal“ bezeichnen kann ist demnach doch zu bezweifeln, geht es bei solchen (in diesem Fall ungeschriebenen) Gesetzen doch offensichtlich nur darum, die Frau nicht als emanzipiertes Wesen mit dem Mann gleichgestellten Rechten zu akzeptieren.

Strassenverkehr im Libanon – alles ist erlaubt

https://dudeweblog.files.wordpress.com/2014/11/salim-salam-beirut1.jpg?w=510&h=382

Salim Salam – eine der grössten Autostrassen Beiruts.

Im Grunde ist Beirut eine schöne Stadt, vorallem vor dem Krieg und auch heute spürt man noch den Charme. Unverkennbar gibt es mittlerweile aber ein Autoproblem. Nicht unbedingt im Bezug auf Staus, da eigentlich alles erlaubt ist (inkl. beispielsweise rückwärtsfahren auf der Autobahn wenn man die gewünschte Ausfahrt verpasst hat, falsch in eine Einbahnstrasse einbiegen oder wenn nötig auch mal etwas länger über ein Trottoir fahren usw.), gibt es in Beirut kaum je Stau. Video „Verkehrs-Chaos in Beirut“

Auf den Strassen ist der Libanese durchaus sehr frei. Dies ganz im Gegensatz zur Schweiz, welche längst zum Polizeikontrollstaat verkommen ist (letztes Jahr war in diesem Zusammenhang öffentlich in der Zeitung zu lesen, die Polizei habe „das Ziel“, im kommenden Jahr „mehr Busseneinnahmen zu machen“ – aber auch diese skandalöse Meldung schlug keine grossen Wogen in der Schweiz – als ob das normal wäre…).

Auch bei Rot über die Ampel zu fahren ist kein Unding, eher eine Notwendigkeit – selbst wenn direkt daneben ein Polizist steht. Er konzentriert sich auf grössere, wirklich wichtige Probleme, sicher aber nicht auf Autos, die bei Rot fahren. Halb Libanon müsste sonst gebüsst werden und bezahlen würde keiner, denn es gibt hier nichts, was mit der Schweizerischen Einrichtung „Betreibungsamt“ zu vergleichen wäre. Wer Strom- oder Wasserrechnung nicht bezahlt, dem wird irgendwann das jeweilige abgestellt, aber was wäre da bei Falschparkierern „abzustellen“…? Parkieren direkt vor einer der sehr zahlreichen Parkierverbotstafeln ist übrigens auch in Ordnung. Schwer verpönt jedoch ist es, vor einem Büro oder Geschäft zu parkieren, wenn man zum Nachbarladen muss. Das gibt Probleme mit dem Besitzer des Geschäftes, in welches man eben unfairerweise dann nicht geht.

Sollte es doch einmal Stau geben auf Beiruts Strassen, so ist der Grund dafür mit grosser Sicherheit bei einer Strassenkontrolle des Militärs zu finden. Diese unzähligen Kontrollposten suchen und finden die meisten der zahlreichen Autobomben auf, von welchen die Stadt seit 2013 bedroht wird und welche sie lebensgefährlich und unberechenbar machen. Tatsächlich bewegt man sich durch diesen Umstand täglich überall in konkreter Todesgefahr.

Auch dies befand das Zürcher Gericht und Migrationsamt jedoch für mich und meinen Mann als „verhältnismässig“. Klar, solange es einen selber nicht betrifft und man im Schweizerischen Büro vom angerichteten Schaden an Leben und Existenz anderer Menschen nichts mitbekommt, muss es einen ja nicht weiter kümmern – Hauptsache der Pausenkaffee hat die richtige Temperatur und das Schafsblatt „20-minuten“ liegt auf dem Schreibtisch.
„So what?! – Nächster Fall“.

Aufgrund der Bombengefahr haben alle grösseren Supermärkte ebenfalls ihre eigenen Kontrollstellen an welchen die Kunden vor Einlass mit speziellen Detektoren gescannt werden. Meist sind auch die Mülltonnen abmontiert, da sie ein perfekter Platz für Bomben wären. Oft muss man auch den Kofferraum vor der Einfahrt in Parkgaragen öffnen. Egal wo man zudem zu Fuss eintritt, es heisst immer Handtasche aufmachen und kurz untersuchen lassen.

So sind die Sicherheitszustände hier in Beirut, welche die CH-Behörden für mich als Schweizerin „verhältnismässig“ befanden, als sie meinen Mann – und dementsprechend auch mich – im April 2013 zwangsausgewiesen haben (spätere Rechtfertigung: Die „Sicherheit der CH-Bevölkerung geht der Sicherheit der Schweizer Ehefrau vor“ – Zitat Migrationsamt Zürich-Oerlikon 2014. Als wäre mein Mann ein Massenmörder – diese angeblich so grosse „Gefahr“ hat interessanterweise in den 17Jahren, welche mein Mann in der Schweiz verbracht hat nur niemand bemerkt…).

Warum gibt die Schweiz die Kosten für Sonderflüge nicht bekannt?

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Frage, warum niemand, nicht einmal die Schweizerische Beobachtungsstelle, welche Ausweisungsfälle dokumentiert (in Kürze wird dort auch unser Fall nachzulesen sein), die Angaben der Kosten solcher Sonderflüge kennt. Auch hier wird der Bürger wiedereinmal manipuliert. Je weniger Information er über die Wahrheit der in der Tat längst katastrophalen Zustände in der Schweiz (bezüglich Menschenrechte, Gesetzestreue von Richtern und Beamten ect.) hat, desto besser (für den Staat)…

Abschliessend fällt mir dazu der Satz „l’état c’est moi“ ein. Nur, wenn doch der Bürger der Staat ist, müsste eigentlich alles etwas anders sein nicht?
Dafür braucht aber alles noch etwas Zeit, vorallem, um aufzuwachen.
Good morning Switzerland!


Dieser Bericht soll u.a. ein Ersatz für all die ausstehenden persönlichen Mails sein, die ich meinen Freunden und Bekannten in den letzten Monaten schuldig geblieben bin. Ich hoffe, damit allen einen informativen Ersatz anbieten zu können.

Die Vorgeschichte, warum ich als Schweizerin seit Juni 2013 zusammen mit meinem Mann unfreiwillig im Libanon lebe (besser „zu leben versuche“) hier:

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bewusstsein, Bilder, Bildung, Freiheit, Geopolitik, Menschen, Recht, Religion, Schweiz, Sinn

Leserbrief schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s