Urteilsfreie Unterscheidung erfordert vorangehende Bewertung

Die realitätsfremde These, ja gar ein des öfteren gerne mantraartig wiederholtes Dogma, dass man nicht werten bzw. bewerten solle, ist dieser Tage leider innerhalb der verschiedensten Denkkonzepte weit verbreitet, insbesondere in esoterisch angehauchten Strömungen, aber auch in menschengemachten, pyramidal-hierarchischen Religionskonstrukten, sowie bei scheinheiligen, institutionsgläubigen (oftmals atheistischen) Gutmenschen.

Es ist zwar durchaus korrekt, dass man es tunlichst vermeiden sollte, über Individuen zu urteilen. Es steht einem nicht zu über ein menschliches Wesen zu urteilen, ausser man bekleidete ein entsprechend (gesamtgesellschaftlich) legitimiertes Richteramt, um vernünftige und sinnvolle Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens (wie z.B. dass man nicht einfach rausgeht und wahllos Leute abknallt oder dass man keine Leute vergewaltigt) in einem ordentlichen, sachlichen Prozess zu verteidigen bzw. durchzusetzen.

Nur darf nicht der Fehler begangen werden, zu übersehen, dass dem Urteile und der (be)Wertung zwei unterschiedliche Bedeutungen innewohnen. Ein wesentliches Unterscheidungskriterium ist z.B. die immanente Endgültigkeit, welche dem Urteil innewohnt, während eine nüchterne, sachliche, aus neutralem Standpunkte heraus getätigte Bewertung eben jederzeit für neue Fakten, entscheidende Erkenntnisse und bedenkenswerte Aspekte offen bleibt. Die weiteren Unterscheidungskriterien herauszukristallisieren überlasse ich hier der mitdenkenden Leserschaft.

Jedem vernünftigen Menschen obliegt innerhalb der Dualität (in welcher wir uns innerhalb der materiellen Existenz unweigerlich befinden) die Pflicht, deutlich zwischen unterschiedlicher Sachverhalte und Begebenheiten (oder relativen Realitäten) zu unterscheiden. Jemand der im Leben nicht unterscheidet, leidet faktisch unter einem Realitätsverlust, weil alles gleich-gültig gemacht wird, was es aber schlicht nicht ist, weil die Realität innerhalb der Dualität nunmal unendlich vielfältig ist. Z.B. ist ein in Somalia lebender Durchschnittsmensch in einer anderen Realität (allein schon aufgrund der äusseren Umstände) als ein in der Schweiz ansässiger.

Es ist keineswegs gleich-gültig (oder egal), ob man einen Abend mit einer/m Vertrauten in Freude verbringt, oder ob man eine Nacht lang qualvoll in einer Zelle gefoltert wird; dem wird jede/r beipflichten. Bewertet man diese zwei verschiedenen Erfahrungen nicht, macht man sie eben gleich-gültig, was sie aber definitiv nicht sind.

Um zwischen unterschiedlichen Tatsachen klar und realistisch unterscheiden zu können, muss man zuvor diese zwei (oder mehr) zu unterscheidenden Begebenheiten also zwingend bewerten, denn wie sollte man sonst, also ohne den Wert von Sachverhalten realitätsnah zu bemessen, vernünftig unterscheiden können? Wie sollte man sonst – also ohne vorangehende Bewertung unterschiedlicher Tatsachen – z.B. die Abscheulichkeit eines vorsätzlichen Gewaltverbrechens von der Grösse einer liebelichtvoll-menschlichen Handlung (z.B. dem Anbieten einer warmen Mahlzeit und einem Bett für einen kurz vorm Erfrieren stehenden Obdachlosen) vernünftig unterscheiden können?

„Geht nicht, gibt’s nicht“ geht hier definitiv nicht…

Sicherlich fällt in oben angeführten Extrembeispielen eine Unterscheidung wesentlich leichter als in weniger offensichtlichen, komplexen Sachverhalten, insbesondere dann, wenn wesentliche Informationen zur realitätsnahen Bewertung und anschliessenden Unterscheidung nicht vorhanden sind bzw. keine Kenntnis über relevante Fakten besteht, weil sie vielleicht gezielt unter grosse Teppiche gekehrt werden. Das führt unweigerlich zu verzerrter Realitätswahrnehmung. Die Geheimhaltungspraktik hinsichtlich gewisser Ereignisse zielt auch genau auf eben solche Verzerrungen hin.

Als Beispiel einer im Vergleich zu obigen Extrembeispielen wesentlich schwierigeren Unterscheidung können veranschaulichend die Geschehnisse rund um 911 herangezogen werden. Will man hierbei eine vernünftige Bewertung zwischen der Verschwörungstheorie der Lakaien des angelsächsischen Kapitalimperiums (US-Regierung), und der Thesen und Theorien nicht institutionell eingebundener, sachkundiger Individuen vornehmen, kommt man nicht umhin, zunächst zeitraubende und tiefgehende Recherchen, und im Idealfall direkt Gespräche mit Fachpersonen (Architekten, Statiker, Pyrotechniker,…) zu führen, sowie darauf folgend Selbst weitreichende eigene Gedanken über den Themenkomplex zu tätigen.

Eine vernünftige Bewertung sollte immer ergebnisoffen und unter Einbezug aller relevanten Fakten getätigt werden, weil ansonsten – je länger je umfässlicher – keine realitätsnahe, urteilsfreie Unterscheidung zwischen Wahrheit, Lüge und Halbwahrheit möglich ist, und man sich darausfolgend je länger je mehr in einem wirren Wollknäuel von Wahrheit, Unwahrheit und Halbwahrheit verstrickt.

Fazit: Erst wenn man zu einem Sachverhalt eine vernünftige Bewertung getätigt hat, kann man auch realitätsnah zwischen Variante A und Variante B (optional auch noch zusätzlich C, D, etc.) unterscheiden; vorher nicht. Hat man eine klare Unterscheidung vorgenommen, kommt man der Wahrheit am nächsten, muss sich aber dabei dennoch stets bewusst sein, dass es einem nicht zusteht, ein Urteil zu fällen.

45 Kommentare

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45 Antworten zu “Urteilsfreie Unterscheidung erfordert vorangehende Bewertung

  1. Naja, Rousseau kann das schon so sagen wenn die Konsequenzen einfach dabei ausgeblendet werden. Wenn ich zB nichts töten (auch keine Pflanzen) will dann ist das tatsächlich mein Freier Wille es nicht tun zu müssen, doch ich werde elendigst verhungern. Unsere Erscheinung als spirituelle Wesen in einem materiellen Körper kann in diesem Sinn nicht frei sein. Unser dasein hier ist von umständen Abhängig und was abhängig ist kann und sollte nicht als frei deklariert werden.
    Auch Freiheit mit Einschränkungen alla kat. Imperativ ist doch keine Freiheit. Es sind blos Versuche diesem umstand der Abhängigkeit nicht ins Auge blicken zu müssen. Das, weil Freiheit immer so glorifiziert wird. Und für was (meist)? Für die Egoentwicklung. Und da diese auf dieser Welt immer mehr zum ausdruck kommt ist davon auszugehen das wir wirklich frei sind, auch unsere Seele dem Teufel zu verkaufen.

    Genau so könnte man sich aber auch der Schöpfung hingeben.

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  2. @Leuchtherz

    Frei schon. Nur nicht absolut frei.

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  3. @ Dude
    Ich meine, Du hast Dich teilweise schon ein wenig verheddert. Auch wenn ich Leuchtherz‘ Gesamtsicht nicht teile, zeigt er doch ein paar Fragwürdigkeiten an Deiner strengen Scheidung von Werten und Urteilen auf. Es sind keine vollkommenen Synonyme (derer es meiner Ansicht nach sowieso keine gibt), aber Du scheidest sie, nicht nur wenn man den allgemeinen Sprachgebrauch anschaut, doch zu kategorisch, zu weit voneinander. Das ist schon ein etwas esoterisches Konstrukt.

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  4. @Magnus

    Ich scheide nicht, sondern sage klar, dass Bewertung genügt, und es die Urteilerei nicht braucht, ja diese gar schädlich ist. Anders gesagt nihiliere ich die Urteilerei gar! Wenn Du Dich gerne zum Richter aufspielst, dann bitte sehr – aber ohne mich.

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  5. @ Dude
    Ich weiß nicht, von woher Du ableitest, dass ich mich gerne zum Richter aufspiele. Das Gegenteil dessen hätte schon aus meinem ersten Kommentar erhellen müssen.

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  6. @Magnus

    Lies mal den Artikel. Da erwähne ich ja die Richter im Zusammenhang mit urteilen gar…

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  7. Leuchtherz

    Aber jede Ent-scheidung ist ein Ur-teil. Wir kommen da eben nicht raus alleinig mit dem Verstand. Ent-scheidest Du Dich etwas zu tun entscheidest Du Dich gleichzeitig etwas nicht zu tun. und das Urteil ist gefällt. Das ist ja das „Dilemma“ des Lebens da nicht raus zu kommen, aus diesen Entscheidungen die uns zwingend immer Position zu beziehen und uns so automatisch von dem trennen wo sich nicht unsere Position befindet.

    und bei näherem Betrachten sieht man das dieses Ur-teilen wirklich nur auf einem selbst zurückfallen kann. den es sind die Entscheidungen die jeder nur für sich trifft und so durch sein Urteil seine Zukunft weist.
    aber es macht jeder, die ganze Zeit, für sich für die eigene Zukunft für die eigenen Entscheidungen.

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  8. @Leuchtherz

    „Aber jede Ent-scheidung ist ein Ur-teil.“

    Falsch. Siehe Artikel und meine bisherigen Kommentare.
    Wenn ihr Freude am urteilen habt, dann urteilt von mir aus soviel ihr wollt. Ich mache jedoch nicht mit.
    Ihr dürft hier also gerne miteinander weiterdiskutieren, ich klinke mich aber aus dieser Diskussion nun aus. Ist mir langsam zu blöd.

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  9. Leuchtherz

    und das Wort Falsch oder das Wort Quatsch sind in Deinen Augen nur Wertungen gell und keine Urteile. Das weil Du Urteilsfrei sein willst. Und es wird natürlich viele besser, ein Urteil oder eine Wertung, wenn man sie durch Hirnakrobatik soviel mal fallen lässt bis sie nur noch Masch sind ins eigene Bewusstsein passen.

    Ja, dem bist Du auch aufgesessen, diesem esoterischen nicht mehr Freude zu haben am Urteilen.

    Aber was macht den ein Richter anderes als zu Ent-scheiden, und das für jemand anderem. Es heisst ja eigentlich:
    Matthäus – Kapitel 7 1 Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. (Römer 2.1) (1. Korinther 4.5) 2 Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. (Markus 4.24)

    Dabei geht es klar um die anderen Menschen, weil, ja der Effekt beschrieben wird das dieses Richten über andere auf einem Selbst zurückfällt.
    Aber warum können wir überhaupt richten wenn es so nutzlos wäre? Ja, für uns selbst können wir das und es ist ein Teil des Freien Willens das tun zu können sonst könnten wir uns, für uns selbst, nicht entscheiden. Denn wie heisst es auch noch so schön:
    Offb 3,15 Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß!
    Offb 3,16 Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.

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  10. @ Dude
    Es dauerte nur einige Kommentare, da roch es mir, zumal ob Deiner Empfindlichkeit und Deines Absolutanspruches nach Risi. Armin Risi plus Urteilen genügte schließlich in der Suchmaschine, festzustellen, dass ich richtig lag. Und Du hast ihn nichtmal als Urheber Deiner Gedanken angegeben. So wird es MIR zu blöd. Wenn Du das nicht freischaltest, ist das für mich eine klare Ansage. Ich habe Dich mich bei mir von Dir schon mehrfach ein Arschloch und ähnliches heißen lassen. Warum nicht. Also, aber, besinne Dich, oder lass‘ es.

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  11. @Magnus & Leuchtherz

    Ich hatte wohl deutlich genug klargemacht, dass ich mich aus dieser Diskussion ausklinke, zumal ich alles wesentlich hier schon gesagt habe. Könnte mich lediglich wiederholen. Also wieso sprecht ihr mich an? Diskutiert doch miteinander weiter…

    Ps. Risis ‚Unterscheiden ohne zu Urteilen‘ bildet nur das Fundament. Das Haus ist von mir Selbst.

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  12. Leuchtherz

    ja, hast ziemlich deutlich ein Urteil hier gefällt was Deine Bereitschaft weiter darüber zu diskutieren betrifft.
    schöna, ciao, bis zum nächsten Briefing.

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  13. Aja und hier noch die Mustervorlage wie ein Werten alla Dude aussieht und nicht ein urteilen…

    EDIT DUDE: Link entfernt.

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  14. Eine Entscheidung ist kein Urteil, Leuchtherz…

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  15. Leuchtherz

    ich halte nichts von Halbherzigkeit Dude… und das ist jede Entscheidung wenn sie nicht einem eigenen Urteil folgt. Und da ist das grosse Problem an „Deiner“ Definition. Auch wenn sie auf dem Fundament von Risi steht. Denn es ist ein Irrtum für sich selbst nicht zu richten (sollen,wollen, dürfen).
    Es ist eine unnötige, nirgends niedergeschriebene Sisyphus Aufgabe so durchs leben zu laufen. Oder überlegt man sich schön brav und fromm bei jeder Entscheidung ob man diese nun risikorrektisch nur Wertet und bloss kein Urteil gefällt hat. Nein, tut man nicht.
    Das Urteil steht einem nur selbst zu, ja betrifft eben nur einem selber weil es die Entscheidungen sind die, je nach dem wie sie gefällt wurden, diese oder andere Konsequenzen mit sich bringen. Andere würden dazu Karma sagen.
    Was sie aber gar nicht sein können sind Urteilssprüche über andere.

    Ur-teil… dieses Wort ist soo tief. Ich weiss gar nicht wie man darauf kommt dieses wunderbare Wort und diesen wunderbaren Sinn dahinter so zu zerreisen. Ja ihm den banalen Unterschied gegenüber zu stellen.
    Unterscheiden ist nun mal etwas sehr simpels und funktioniert auch ohne Zahlen. Schon Steinzeitmenschen konnen Unterscheiden das 3 Steine weniger als 5 sind. Sie haben die einfache „be-wertung“ mehr und weniger gewählt. Danach kam die feiner Art zu Be-werten, zu messen, in diesem Fall zu zählen. Dort wurde klar das 3 Steine weniger sind als 4 aber noch weniger als 5.
    All das sind alleinig die Betrachtungsweisen. Jetzt kann man mit diesen „Werten“ arbeiten und dann kommt es zu Entscheidungen und Urteilen.
    Wenn die Ampel auf Rot steht dann ist das ein Unterscheidungskriterium zur Grünen Ampel. Danach kommt die Bewertung, was geschieht wenn ich bei Rot nicht anhalte und danach erfolgt das Urteil, die Entscheidung, ich halte an. Bei vielen ist das Urteil im vorherein schon gefällt das sie bei einer roten Ampel anhalten. Und das macht durchaus Sinn, den die Bewertung der Situation ist schon längst abgeschlossen. Das Urteil hängt also nur noch von dem Unterscheidungskriterium ab. Jetzt können wir den Gedanken noch weiter flechten. Ich hab jetzt aber eine Hochschwangere Frau im Auto die ins Krankenhaus müsste. Aber auch da haben die meisten schon ihre vorgefertigten Urteilskriterien im Hinterkopf, je nach Situation.
    Und weil ich so ein Mensch bin, dem es genau so geht, glaub ich nicht das mich irgendwer dazu bringen wird mir stundenlang darüber Gedanken zu machen wie unfähig ich doch bin nicht zu Urteilen und was für ein böser „Richter“ ich nun sei. Wo ich mich aber wirklich an der Nase nehmen möchte ist beim Urteilen über andere Menschen. Ich kann für mich ein Urteil fällen, aber das ist meine Entscheidung und meine Konsequenzen. Und ich habe dort schon noch enormes Potenzial offen was das Urteilen über andere Menschen betrifft. Was aber mich betrifft kann ich dazu stehen das ich, für mich meine Urteile fälle und zwar bewusst und beherzt so das ich von dem was ich tue auch überzeugt bin.

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