Nahrungsmittelverschwendung

Es ist inzwischen auch den Medien zu Ohren gekommen, dass wir in den industrialisierten Ländern immer mehr Nahrungsmittel einfach wegwerfen (oder zu Biogas verarbeiten). Die Ursachen dessen sind vielfältig.

Unter anderem scheint mir auch die uferlose Subventionspolitik ein Grund zu sein. Ein Lösungsansatz seitens der Politik ist es, diese Lebensmittel an die südliche Halbkugel zu verschachern. Was im ersten Moment noch wie eine gute Idee klingt, erweist sich bei genauerer Betrachtung zweischneidig.

Das zusätzliche Angebot aus Europa, torpediert den einheimischen Markt, was den Kleinbauern und Bäuerinnen ihre Existenzgrundlage nimmt. Die Nachfrage nach den von ihnen selbst angebauten Produkten sinkt. Um sich noch über Wasser halten zu können, sind sie häufig gezwungen, ihr Land zu günstigen Konditionen an international operierende Konzerne zu ‚verkaufen‚. Auf diese Weise haben sie zumindest noch genug Geld, um die nächsten Wochen die Nahrungsmittel zu kaufen, die aufgrund der Überproduktion aus den Industriestaaten eingeführt wurden. Gehört das Ackerland den grossen Konzernen, wird nicht länger eine nachhaltige, ernährungsorientierte Agrarwirtschaft betrieben. Die Produktion richtet sich vielmehr auf Profitmaximierung aus. Die Industriestaaten haben besonders grosses Interesse, günstiges Futtermittel aus ebendiesen Ländern zu importieren. Futtermittel, das benötigt wird, um die einheimischen Industrien mit tierischen Produkten (weiter) anzuheizen. Also entstehen Monokulturen ausländischer Investoren auf einstmals lokal bewirtschaftetem Ackerland.

Unser Wirtschaftssystem ist seit 200 Jahren darauf ausgerichtet, unsere Produktion mit Ressourcen aus ärmeren Ländern immer mehr anzuheizen, um diesen Ländern anschliessend „generös“ unsere Überproduktion abzugeben. An dieser Denkweise hat sich wenig geändert. Solange wir damit weitermachen, müssen wir uns nicht wundern, wenn tagtäglich hektarweise Regenwald für immer vernichtet wird. Oder dass der Wohlstand in diesen Ländern nicht steigt. Und wozu? Damit die Industrienationen zu viel produzieren können.

Statt einer Ausrichtung auf eine bedarfsorientierte Produktion, wird überlegt, was man mit dem „zu viel“ anfangen könnte. Wie mit dem neuen Gesetz in der EU, dass man einen bestimmten Prozentsatz Ethanol tanken muss. Auch das erscheint im ersten Moment sinnvoll, angesichts schwindender Ölreserven. Nur verleitet ein solches Obligatorium die europäischen Bauern und Bäuerinnen zu der Annahme, dass es etragsreicher und -sicherer ist, Rapsöl anzupflanzen, statt Nahrungsmittel.

Überspitzt gesagt: Der Süden füttert die Tiere des Nordens, und der Norden füttert seine Autos. Mit verhängnisvollen Folgen: Verbrannte Bäume, fühlende Tiere in qualvoller Massentierhaltung und Menschen, die ihre Lebensgrundlage verlieren.

Es ist natürlich immer leicht, die Missstände anzuprangern. Auch ist es wohl etwas viel verlangt, das gesamte globalisierte Wirtschaftssystem von heute auf morgen zu ändern. Dennoch halte ich es für einen gangbaren Weg, die Überproduktion im Norden einmal grundsätzlich infrage zu stellen. Je weniger wir hier produzieren, umso weniger Nutztiere müssen wir in Massentierhaltung leiden lassen, umso weniger Futtermittel brauchen wir, umso weniger Gewinn lässt sich mit Futtermitteln machen, umso weniger Konkurrenz haben die einheimischen Produzenten in den südlichen Ländern, und umso weniger schädliche Auswirkungen hat das auf die Biosphäre. Also keine Monokulturen und abgeholzte Regenwälder, um dort Ressourcen für unsere Überproduktion anzubauen.

Warum aber sollten wir weniger produzieren wollen? Welche Motivation könnten wir in Europa dazu haben? Oder anders gefragt: Was braucht es, damit weniger produziert wird? In erster Linie ein Umdenken. Ist es wirklich notwendig, dass jede Art von Nahrungsmittel, jederzeit, in jedem kleinen Dorf erhältlich ist? Brauchen wir wirklich 24 Stunden am Tag Zugang zu Nahrung? Ich denke nicht. Doch selbst wenn: Ist es notwendig, dass jedes Regal, in jedem Geschäft jederzeit vollständig gefüllt ist? Es scheint in Europa ein recht starkes Gefühl vorzuherrschen, dass leere Regale ein Zeichen von Verfall sind. Dieses Gefühl muss berücksichtigt werden, wenn die Überproduktion verringert werden soll.

Der nächste Aspekt ist natürlich die Arbeit, die damit im Zusammenhang steht. Weniger Produktion bedeutet auch weniger Arbeit. Mit dieser Binsenwahrheit werden Abstimmungen entschieden. Da stellt sich natürlich die Frage, warum wir überhaupt so viel arbeiten? Hier wird oft so argumentiert, dass Arbeit benötigt werde, um sich und seine Familie zu ernähren, eine Wohnung zu bezahlen, etc. – Die fundamentale Existenzgrundlage aber könnte auch durch ein bedingungsloses Grundeinkommen geregelt werden; ohne den Zwang, arbeiten zu müssen, um überlebensfähig zu bleiben, könnte die Produktion damit einhergehend gedrosselt werden. Ohne dass dies dazu führt, dass die Menschen in Europa nichts mehr zu Beissen hätten.

Die ganze Sache ist sehr verschachtelt und eng mit den Wertvorstellungen, aber auch vagen Gefühlen im Zusammenhang stehend, die wir in Europa haben. Es ist meines Erachtens zentral, dass die Aufklärungsarbeit im Bereich Nahrungsmittelverschwendung und ihrer geopolitischen Auswirkungen auf die weltweite Agrarwirtschaft fortgesetzt wird. Wenn den Menschen bewusst wird, was es bedeutet, wenn wir zu viel produzieren, kann sehr viel menschliches, tierisches und wirtschaftliches Leid verringert werden. Weil Bewusstheit oft in einem veränderten Verhalten mündet.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Bewusstsein, Bildung, Dreckskapitalismus, Freiheit, Geopolitik, Jean Ziegler, Kurzreportagen, Menschen, Natur, Sinn

6 Antworten zu “Nahrungsmittelverschwendung

  1. Heinz Heidtmann

    Sehr guter Artikel!
    Während wir schon bei dem Zauberwort Bewusstsein sind!
    Über dieses Wort und zusätzlich den berühmten krankhaften EGO, den ich hier schon einigemale aufführte, nur darüber geht der Weg.
    Das Dilemma ist, dass manche, außer das sie wissen das es das Wort Bewusstsein gibt, nichts mit ihm anfangen können. Noch nicht mal den Versuch diesbezüglich starten das Wort zu hinterfragen.
    Es ist immer wieder das gleiche Problem, beide Wörter beißen sich im Grunde pausenlos in den Schwanz.
    Es ist ein nicht enden wollendes Dilemma.

    Wie bringt man die Menschen zum Umdenken! Ich kenne kein größeres Beispiel, wo das bisher gelungen sein soll bzw. ist.
    Mancher wird vielleicht jetzt sagen … wir hatten schon 68 Jahre keinen Weltkrieg mehr! Die Gegenfrage: Wieviel Kriege gibt es zur Zeit weltweit?
    OK, nehmen wir das mit dem Weltkrieg mal als ein Argument. Auch hier die angebrachte Frage, warum?
    Es liegt wohl kaum an der berühmten Menschlichkeit …, sondern höchstwahrscheinlich nur an der Angst vor den Folgen. Jeder noch so Desinteressierte und Schläfer kann sich ausmahlen, was es für die Welt bedeuten würde. Also, auch für ihn!

    Es ist wohl ein gewaltiger Unterschied, ob ich einen Krieg aus menschlichen und ethischen Gründen ablehne, oder nur aus der Angst in bezug auf die Folgen. Weil die Menschen meiner Meinung nach, dass hauptsächlich nur aus dem letzt genannten heraus tun, kann man von der Annahme ausgehen, sie haben immer noch nichts aus all den Kriegen und dessen Elend gelernt.
    Und wieder beißt sich die Katze in den Schwanz.

    Ich will keinem die Hoffnung nehmen in bezug auf eine Kehrtwende, die unabdingbar sein muss. Auch denen nicht ihre Anstrengungen nehmen, die mit ihrer ganzen Kraft gegen das weltweite Dilemma gegensteuern, aber … reicht das!
    Ich glaube nein, es geht nur über einen Flächenbrand bzw. ein Feuer das zum Flächenbrand wird.
    Nur …! wenn dem Feuer die Nahrung fehlt bzw. frühzeitig genommen wird, geht es aus. Es ist immer wieder des Teufels-Feuerwehr die diese positiven Anfangsfeuer löscht.
    Und wieder beißt sich die Katze in den Schwanz.
    EGO und Bewusstsein.

    Es werden täglich weltweit Patente angemeldet, neue Dinge erfunden, aber niemandem ist es bisher gelungen, die Menschen dorthin zu bringen, eine Kehrtwende zuvollziehen.
    Freunde … das ist noch nicht mal Jesus gelungen.

    Wir sind doch nicht die einzige Kultur die vor solchen Problemen stand, das hatten wir doch im großen Weltgeschehen mehrfach. Hochkulturen kamen und gingen. Verschwanden aufeinmal, und nicht nur wegen einer Sintflut oder ähnlichem, meist sind sie an sich selbst gescheitert.
    Und auch hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz.

    Ich glaube, dass der Mensch nur durch härteste Schickssalsschläge lernt, und auch das! nur für ein oder zwei Epochen, dann ist das LERNEN wieder im berühmten Eimer.

    Tut mir leid, eine dauerhafte positive Bewusstseinserweiterung sehe ich nicht am Horizont!

    Natürlich soll man nicht einfach die Flinte ins Korn werfen, aber seien wir mal ehrlich, ist dieser Kampf überhaupt zu gewinnen.
    Es ist ähnlich, wie bei dem Kind das mit seinem Eimerchen am Meer sitzt und versucht dies auszuschöpfen.

    Schon immer haben Wissenschaftler, Theologen, Philosophen, Propheten und all die sonst noch großen Welt-Geister versucht, den Menschen wachzurütteln, ihm versucht klarzumachen, was es für die Menschheit bedeutet, wenn sie nicht die berühmte Kehrtwende vollziehen! … bestimmte Dinge einfach nicht begreifen wollen.
    Hat es etwas genützt … tut mir leid, NEIN und nochmal NEIN!

    Ich sagte es schon an anderer Stelle, selbst Jesus, käme er wieder, würde wieder scheitern.
    Nur Gott könnte es ändern! Aber die ihn kennen (einwenig) wissen warum er das nicht tut!

    Bin ich ein Schwarzmaler … mag sein, aber ich sehe nun mal die Realität. Wie sie ist und immer war.

    Bestes Beispiel (wenn auch nur ein kleines) waren die vergangenen Wahlen, muss ich noch mehr sagen, ich glaube nicht.

    Die Welt ist wie sie ist, die Menschen sind wie sie sind …, UNBELEHRBAR!
    Noch Fragen!

    Anmerkung!
    Als Schwarz- Seher oder Maler, könnte ich mir natürlich solch einen Beitrag schenken, nein tue ich nicht, weil dann … hätte ich mich und all das, an das ich glaube, endgültig aufgegeben.
    Ich gebe deshalb nicht auf, einerseits weil ich mir nicht einestages den Vorwurf machen will, Du hast nichts getan um etwas zu ändern. Und andererseits auch, es gibt noch genug Menschen, die es verdient haben, … um sie bzw. für sie zu kämpfen!

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  2. @ Heinz Heidtmann

    Ich verstehe Ihre Ausführungen nicht. Zuerst ganze Ozeane der Sinnlosigkeit, und schließlich…
    Klingt ansonsten weltkatastrophenselig und nach jenem Superchristen Xavier Naidoo: „Der Mensch lernt nur, wenn er Scheiße frisst, sonst begreift er nicht.“
    Ich habe immer gern gelernt, vom Grunde her jedenfalls, wobei schlechte Lehrer oder auch unerträgliche Kommilitonen dies mitunter in der Tat teilweise zu hemmen vermochten.
    Ich bezweifle sehr, dass ich mit einer Portion Scheiße auf dem Mittagstisch besser gelernt hätte, als mit einem Butter- (oh je, Butter aus Tiermelkfolter, also gut), ja selbst ekeligen Margarinebrot.
    Aber wahrscheinlich liegt das nur daran, dass ich kein Mensch bin. Jedenfalls wohl keiner, um den es sich in Ihrem Sinne zu kämpfen lohnt.

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  3. Mörderischer Sprit

    von Jean Ziegler

    Immer noch werden Agrarkraftstoffe europaweit als umweltfreundlich gefördert. Für Biosprit werden Unmengen an Grundnahrungsmitteln verbrannt und damit Umwelt und Menschenleben zerstört. Die deutsche Regierung verhält sich bislang wie ein Söldner der Agroindustrie.
    […]
    Hunderte Millionen Tonnen an Grundnahrungsmitteln für die Herstellung von Agrosprit zu verbrennen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seit 2007 haben die Regierungen der EU und der USA die Agrarindustrie großzügig darin unterstützt, Autotanks mit Essen zu füllen – mit verbindlichen Zielen, Steuervergünstigungen und Subventionen, die sich auf Milliarden Dollar und Euro pro Jahr belaufen. Das Resultat? Hunger, Landraub und Umweltschäden haben zugenommen, Hunderttausende Menschenleben sind zerstört.
    […]
    Die Förderung von Agrokraftstoffen, die in Nahrungskonkurrenz stehen und die Umwelt zerstören, muss schnellstmöglich komplett abgeschafft werden.
    […]
    Die Profitmaximierung durch Agrosprit ist eine der vielen Formen der rücksichtslosen Ausbeutung von Ressourcen.
    […]
    Europa verbrennt in seinen Kraftstofftanks momentan so viele Kalorien, wie 100 Millionen Menschen für ihre Ernährung bräuchten.
    […]
    Flächenspekulanten, Hedge-Fonds und Agrarenergie-Konzerne bilden die Spitze eines neuen weltweiten Ansturms auf Land, der Hunderttausende Kleinbauern von ihren Feldern verdrängt, ihnen die Existenzgrundlage und die Wasserversorgung nimmt. Dies geschieht überall auf der Welt und besonders stark in Lateinamerika, Afrika und Asien, wo die Monopolisierung des Landes durch internationale Agrosprit-Konzerne auch von Gewalt begleitet wird. Die Opfer sind wieder einmal eingeborene Bauern und ihre Familien.
    […]
    Genug ist genug. Es ist an der Zeit, den Agrosprit-Wahnsinn zu stoppen, der einigen wenigen internationalen Konzernen riesige Profite beschert, während er auf der anderen Seite Umweltzerstörung und Millionen hilflose Opfer verursacht.
    […]

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/subvention-von-biokraftstoffen-in-der-eu-moerderischer-sprit-1.1833999

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