Der einsame Wolf

Der einsame Wolf war ein Streuner, ein Einzelgänger, Sonderling – eine Kuriosität der Natur. Aber er war auch mehr als das, denn in gewisser Weise wäre er zum Leitwolf prädestiniert gewesen; geeignet ein Alpha-Tier zu sein.

Das aber wollte er nicht, obwohl er es eine Weile ausprobiert hatte, bei der Leitung eines Rudels teilzuhaben. Ihm missfielen die internen Zwiste um hierarchische Stellungen innerhalb des Verbunds , als auch die Riten und Gewohnheiten des Rudels, und weit mehr noch missfielen ihm die territorialen Streitigkeiten der einzelnen, voneinander streng abgeschotteten Wolfsgemeinschaften.

War nicht ein Wolf ein Wolf, der ein Wolf war?
Doch! Der einsame Wolf war überzeugt davon.

Trotz seiner innersten Überzeugung noch aus frühesten Jugendjahren, wollte er keine voreiligen Schlüsse ziehen, zumal er sich dessen, als Halbwolf der er da war, keinesfalls absolut zweifelsfrei sicher sein konnte, wessenthalben er sich einige spezielle Rudel auswählte, um dies abschliessend zu eruiren. Bei den ersten zwei Rudeln merkte er ganz schnell, dass die Wölfe da irgendwie anders waren als er – Rudeltiere von Geburt an, und also entsprechend gekennzeichnet.

Der einsame Wolf indes war jedoch ein Waise. Er war es gewohnt, sich selber durchzuschlagen, von Welpenalter an. Es mochten Schicksalsfügungen sein, die ihm, wann immer er einmal in ernste Schwierigkeiten zu kommen drohte, irgendwie eine Möglichkeit zum guten Ausgange eröffneten; vielleicht war es auch nur Glück.

Wenige Stunden nach seiner Geburt zum Beispiel, kurz nachdem seine Mutter ihren letzten Atemzug getan hatte, um ihn allein in einer gefährlichen Welt zu hinterlassen, begab es sich zufälligerweise –  vielleicht auch durch Schicksal prädestiniert -, dass ihn eine trächtige Fähe, kurz vor ihrem Wurf, winselnd im Moos liegen fand und ihn aufnahm. Sie stand ihm in den jüngsten Jahren bei, doch nachdem sie ihn kräftig genug gesäugt hatte, verstiess sie ihn. Er wurde in seiner Welpenzeit auch nie gänzlich ins Rudel integriert, sondern war immer ein Aussenstehender, obwohl man ihn grundsätzlich respektierte.

Der einsame Wolf erkannte früh, dass er zwar als Rudeltier geboren, jedoch kein Rudeltier war.

Das dritte Rudel jedoch, welchem er sich annäherte, um herauszufinden, ob seine Überzeugung auch tatsächlich der Realität entsprach, faszinierte ihn enorm, zumal die Wölfe da irgendwie offener, ungebundener und freier zu sein schienen, und gleichfalls auch nicht so enge und klar strukturierte Hierarchien herrschten, wie das in gewöhnlichen Rudeln geläufig war. Dies führte gar dazu, dass er mit der Zeit so geschätzt wurde, dass das Alphamännchen ihn in den Leitkreis aufnahm, womit die Achtung der Wölfe ihm gegenüber erneut anstieg.

Er genoss es eine Zeit lang sehr, als Beta-Männchen so geschätzt zu werden, und tat auch sein Bestes, dem gesamten Rudel zu einem möglichst frohen Wolfsleben zu verhelfen. Da ihm dies gar erstaunlich gut gelang – wohl durch die Umstände der aussergewöhnlichen Erfahrungen seines bisherigen Lebens als Einzelkämpfer begründet -, begab es sich nur ein Jahr später, dass er von den Wölfen als neuer Anführer auserkoren wurde, als das Alphamännchen traurigerweise bei der Verteidigung des Rudels einem blutgierigen Jäger zum Opfer fiel.

Es behagte ihm jedoch gar nicht – so plötzlich und unverhofft – die volle Verantwortung für das gesamte Rudel zu übernehmen. Nicht weil er die Aufgabe nicht hätte erfüllen können – nein, das hätte er wohl gekonnt -, sondern weil er während seiner Zeit im Rudel einen ganz speziellen Welpen zum kräftigen und selbstbewussten Vollwolf heranwachsen sah. Das enorme Potential dieses weissen Wolfs erkannte er schon früh, und die erste Vermutung bestätigte sich immer wieder; der Kleine setzte sich seit je her durch und war prädestiniert zum Alphatier.

Er wusste, dass er, wenn er diese Aufgabe nicht annahm, es nicht wert sein würde, weiter Teil des Rudels zu sein, und tat, was er tun musste.

Also sprach er zur versammelten Gemeinschaft:

«Der weisse Wolf, auch wenn er eigentlich noch zu jung dafür ist, ist euer geeigneter Kandidat. Er gehört von Geburt an zu euch und ist ein geborener Alphawolf, auch wenn ihr das nicht sehen wollt.»

Die Meute mochte den weissen Wolf nicht – und das, obwohl sie in dieser Hinsicht anders zu sein schien -, zumal er aus ihrer Sicht irgendwie kein richtiger Wolf war. Der einsame Wolf dachte, dass sie sich wahrscheinlicher einfach vor ihm fürchteten, weil er von Natur aus überwölfisch, und ihnen in allem überlegen war. Er wandte sich also an die Schar, und sagte:

«Ihr wolltet mich als Leitwolf. Nun seid ihr enttäuscht, dass ich ablehne und euch obendrein noch den empfehle, welchen ihr ablehnt. Aber nehmt dies als einzige Anordnung von mir als Alphatier. Der weisse Wolf wird euer neuer Alpha-Rüde! Möget wohl beschützt sein. Und das werdet ihr auch, denn euer neuer Anführer wird dafür sorgen. Ich selber ziehe weiter als einsamer Wolf.»

Als die Wölfe seine Ablehung mit Bitternis aufnahmen, erkannte er, dass auch dieses Rudel nicht für ihn gemacht war. Daraufhin verliess er das Rudel und erkannte, dass sein Schicksal einen anderen Weg für ihn vorgezeichnet hatte.

Er lernte dabei letztenendes, dass der Schein zuweilen trügerisch wirkt; die Realität in durch Wahrnehmungsprismen verzerrt gespiegeltem Lichte zum Trugbild erscheinen lassend. Seine urerste Überzeugung bestätigte sich also letztendlich doch:

Ein Wolf der ein Wolf war, war ein Wolf!

Nur schienen das fast alle anderen Wölfe nicht erkennen zu wollen, und paradoxerweise, war genau er, der einsame Wolf Selbst, ein Streuner, ein Einzelgänger, Sonderling – eine Kuriosität der Natur.

Und wenn er nicht gestorben ist, so streift er noch heute einsam durch die Wälder.

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Gleichnisse, Natur, Sinn, Sprachwissenschaft

10 Antworten zu “Der einsame Wolf

  1. suspect1

    Und dann kam er an ein Rudel Wölfe, in dem die Alphatierchen Schafspelze trugen…sie lebten inmitten der Herden von Schafen..da sie mit den Hinterteilen aufgrund ihrer Verteidigungsnatur aneinander standen, um nach vorne beißen zu können, hatten die Schafe alle alle Angst vor ihnen und da Schafe immer die wählen, die Angst haben, wurde diese zu ihren Führern.
    Sie unterschrieben sogar in Liebesbriefen an Eva mit „dein Wolf“..
    Die Schafe blieben immer dieselben, verweigerten sich jeder Empore und jeder Entwicklung. Das einzige was all die Zeiten durch blieb, war, dass sie geschoren wurden und werden. Und jedesmal nach dem Scheren haben sie Angst und stehen beieinander…warten, dass der Mut mit dem Fell wieder kommt, bis sie Vertrauen schöpfen..und wieder geschoren werden..durch alle Zeiten hindurch und niemals klang die Kunde durch, dass alles schon da war und ist.
    Alle halten und stehen das durch und werden irgendwann zu Kühen, die nur noch zum Melken und gebären da sind.
    Willentliche Schafskälber gebären sie, die die Kinder dem Mammon ausliefern und Produkte heranziehen lassen.
    Und wo bleibt der einsame Wolf? Wo sind all die einsamen Wölfe in ihrer einfach großen Anzahl hin und laufen immer alleine?

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  2. @Suspect1

    Die unendliche Geschichte? 😀

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  3. Hans-Georg Baumgartner

    Bilde einen Satz, in dem fünfmal das Wolf vorkommt?
    =>Solange der Wolf nicht in Wolfen in einem Fleischwolf gewolft wird, besteht Wolfung, dass er Rotkäppchen wiedersieht. .

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  4. @Hans-Georg Baumgartner

    😉

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  5. Wacholder

    „Ich bin ein Wolf aus einer anderen Zeit und von einem anderem Ort“, sagte er. Und er zupfte sich eine Augenwimper aus, gab sie ihr und sagte:
    “ Verwende sie und sei weise. Von nun an wirst du wissen, wer gut und wer weniger gut ist; schau mit meinen Augen und du wirst klar sehen.
    Weil du mich am leben ließest,
    lade ich dich ein, in einer Weise
    zu leben wie nie zuvor.
    Vergiß nicht, es gibt nur eine Frage,
    die zu stellen sich lohnt,
    woooooooooo
    iiiiiiiiiiiiiist di
    seeeeeeele?“

    Aus: Die Wimper des Wolfs, C. P. Estes

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  6. Danke Dir für diese schöne Erweiterung, geschätze Wacholder!

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  7. suspect1

    @Dude
    Ich hoff, dass die Geschichte nicht unendlich bleibt, wir sind nicht umsonst hoffentlich in die jetzige Zeit reingeworfen wurden und gekommen 🙂
    @Hans-Georg Baumgartner
    Hat der Wolfgang nicht mehr mit reingepasst? 🙂

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  8. @Dude
    Die Geschichte erinnert mich frappierend an einen Christian;
    meinem lieb(st)en Jugendfreund, der immer derselbe war und
    doch nicht der gleiche, das habe ich erst neulich erkannt.
    Dankeschön für diese unglaublich gute Parabel.
    LL

    PS: Befinde mich von Zeit zu Zeit an dieser Geschichte

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  9. Pingback: Zur grenzenlosen Verblödung der obrigkeitshörigen Herdenmenschen | Sei herzlich Willkommen beim Dude

  10. die_zuzaly

    eine verdammt explizite-reelle Geschichte – kämpfe zur Zeit mit einem – >lebend-liebenden – >weißen-weisen Wolf —
    ein Abschluss meiner Novelle im Blog:

    als Silhouette nun auf diesem Felsen –
    als silberweißer Wolf ich heulend sitze –
    singend mein Gebet gen Himmel ich verrichte –
    es mächtig imposant zu präsentieren –
    um lauthals jenes Glück noch zu verkünden –
    was wolfsstark ich als Tier erkannt in mir –
    nun zeigt sich der – der einsam wollte sein –
    als *der einsame Wolf* er bleibt in Dir –
    nur Du kannst >selbst es ändern

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